In Deutschland wird jede 4. Frau Opfer von Gewalt, weltweit ist es jede Dritte. Alle 26 Std. versucht in Deutschland ein Mann seine Partnerin oder Expartnerin zu töten.
Diese Femizide, also die Tötung von Frauen in einem geschlechtsspezifischen Kontext, werden als solche statistisch nicht erfasst und somit die gesellschaftliche Dimension, das Frauenbild hinter der Straftat geleugnet.

Trotzdem werde ich oft gefragt, ob ich wirklich der Meinung sei, es gäbe keine wichtigeren Probleme als Geschlechtergerechtigkeit und Feminismus.

Ja, das ist schon nervig, immer dieses Reden über:
Gender Pay Gap, gerechte Verteilung von Sorgearbeit, Repräsentanz in Parlamenten und Mitsprache in Entscheidungsprozessen und am schlimmsten von allem die Forderung nach einer geschlechtergerechten Sprache…
Haben wir Frauen also tatsächlich keine wichtigeren Probleme?

Ich halte die Klimakrise für die größte Herausforderung unserer Zeit. Doch dieser mit der Erderwärmung einhergehende Klimawandel ist alles andere als geschlechtsneutral.
Die negativen Folgen des Klimawandels trifft den globalen Süden härter als den globalen Norden.
Besonders hart betrifft es jedoch die Menschen, welche unter der Armutsgrenze leben und das sind zu 70 % Frauen.
Bei Naturkatastrophen wie Dürre, Hitze, Überschwemmungen, die als Folge des Klimawandels zunehmen, sterben 4 mal soviel Frauen wie Männer.

Das liegt unter anderem an geschlechtsspezifischen Rollenmustern:
Frauen sind häufiger zuhause, kümmern sich um Angehörige, haben schlechteren Zugang zu Informationen. Warnungen vor Katastrophen erreichen uns meist spät und dann sind wir Frauen nicht nur für uns, sondern auch für die Rettung anderer Leben verantwortlich.

Ich nehme an, die Rollenmuster kommen Euch bekannt vor …
Fakt bleibt: Frauen mit Kindern und Schwangere können schlechter fliehen.

Aber wir Frauen sind nicht nur viel stärker von den Auswirkungen der Klimakrise getroffen. Wir, insbesondere im globalen Süden, engagieren uns ungleich mehr und kämpfen aktiv für Klimaschutz.

Dennoch sind wir in politischen, ökonomischen und ökologischen Entscheidungsprozessen kaum vertreten.
Das gilt nicht nur im globalen Süden, sondern auch hier. Im Landtag von Baden Württemberg beträgt der Frauenanteil gerade mal 26%.

Wenig verwunderlich sind deshalb auch die Antworten auf die Klimakrise patriarchal geprägt. Wenn wir hier in Deutschland von Klimaschutzmaßnahmen und ökologischer Transformation reden, meinen wir stets die Umwandlung von klimaschädlichen Arbeitsplätzen z.B. in der Kohle- oder Autoindustrie in klimaneutrale Arbeitsplätze z.B. im Bereich der erneuerbaren Energien.

Das an sich ist nichts Schlechtes, aber dabei handelt es sich immer um von Männern dominierte Branchen – „ richtige Arbeitsplätze, in denen gutes Geld verdient wird“

Die Sorgearbeit, unbezahlt oder auch schlecht bezahlt, der soziale Bereich, in dem überwiegend wir Frauen tätig sind, wird weder ausgebaut noch aufgewertet, sondern bleibt marginalisiert.

Eine patriarchale Gesellschaft findet nur patriarchale Antworten und damit dürfen wir uns nicht begnügen.

Und deshalb braucht es Repräsentanz von Frauen.

Wir müssen endlich auf allen Ebenen, in allen Gremien in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.
Denn ohne Geschlechtergerechtigkeit wird es keine Klimagerechtigkeit geben.
In diesem Sinne „Rise – Garden – Resist“

Isabell Fuhrmann – Rede bei ONE BILLION RISING
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